Donnerstag, 9. Juni 2016

#teamginalisa oder Über die Verrohung des Miteinanders und eine Rechtssprechung, die keine ist.


Ausgerechnet mit einem Posting über ein Boulevard-Sternchen melde ich mich aus der Versenkung zurück.
Oder? Nee. Irgendwie nicht. Denn es geht eigentlich gar nicht um Gina-Lisa Lohfink, von der ich nur weiß, dass sie eine relativ entspannte Haltung gegenüber der Zurschaustellung ihrer Attribute pflegt.
[Ja, werden wir mal plakativ. Hat die nicht so ein Schmuddelsfilmchen online gehabt, wo sie mit einem Kerl in Socken zugange war? Ist die nicht in der Dauerschleife bei einem Schönheitschirurgen und nun nach Jahren des öffentlichen Lebens optisch kaum noch wiederzuerkennen? Was kann die eigentlich, außer sich medial zur Schau zu stellen und das möglichst knapp bekleidet? ]
Was auch immer, subsumierend lässt sich zweifelsfrei feststellen, dass sie als Vorbild für meine Tochter bitte nicht die erste Wahl sein sollte.
Und doch.
Es ist völlig egal, wie sehr ein Mensch sich nach dem subjektiven Empfinden seines Gegenübers oder einer Nation selbst entwürdigt – niemand anders darf das.
Unsere Justiz scheint das irritierenderweise nicht so zu sehen. Das ist -gelinde gesagt- ein solcher Skandal, dass ich hier mit einer Gänsehaut sitze und schreibe, um nicht zu schreien vor Wut.
Worum es geht in aller Kürze, wahrscheinlich weiß es ohnehin schon jeder:
Vor einigen Jahren hat Frau Lohfink kein gutes Händchen bewiesen bei der Wahl ihrer Gesellschaft. Die vermeintlich freundlichen Menschen verabreichten ihr ein k.o.-Präparat, bedienten sich vor der laufenden Kamera an ihrem Körper und auch ihrer mehrfach schwach vorgetragenen Bitte um ein Aufhören wurde nicht Folge geleistet. Im Gegenteil. Man feuerte sich gegenseitig an, hielt das Handy drauf und stellte dieses Wunder an  "Kleinkunst" danach ins Netz.
Eigentlich eindeutig.
Aber juristisch betrachtet ist es das nicht, so erstaunlich das klingt.
Beide Herren werden vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen, nur der eine bekam einen Klaps auf die Hand für die Verbreitung des Videos. Die Anwendung von Gewalt wurde somit nicht anerkannt, so als hätte es sie nie gegeben.
Per heute haben aber über 1 Millionen User den entsprechenden Clip online gesehen. Eine Millionen Menschen (naiverweise davon ausgehend, dass niemand es zweimal anschauen wollte) sehen eine annähernd bewusstlose Frau, die „Hör auf“ sagt. Mehrmals. Und keinen interessiert es. Die Plattformen bieten den visuellen Konsum kostenfrei und ungefiltert an und kaum jemand scheint das skandalös zu finden. Zumindest habe ich keinen #aufschrei gehört.  Bisher.
Nun steht Frau Lohfink vor Gericht, sie habe die beiden Herren verleumdet mit ihrer Falschaussage. Die sind ja von Rechts wegen  keine Vergewaltiger und dann darf man das auch nicht behaupten.
Das Urteil ist noch nicht gesprochen aber erst jetzt, wo diese Verhandlung begonnen hat, wird laut, was schon längst hätte laut werden müssen. Wenn z.B. einer von den 1.000.000 Voyeuren, die sich online gut unterhalten fühlen bei der Betrachtung einer Straftat, Anzeige erstattet hätte. Oder darüber geschrieben hätte. Laut geworden wäre.
Heute sind wir zahlreich, die, die sich wie ich aufregen über eine Rechtssprechung, die diesen Namen nicht verdient.
Den Weg dahin ebnen wir mit einer medialen Kultur, die keine Scham mehr kennt, keine Privatsphäre, keine Grenzen, keine Beißhemmung. Hornhaut deluxe. Was sind wir für eine verdorbene, stumpfe und abstoßende Masse an Egomanen geworden, die ein Verbrechen an der Würde eines Menschen für Unterhaltung hält?
Die wollte das so?
Ja?
Schämt Euch, wer auch immer Ihr seid.
Dieser Beitrag führt nirgendwo hin, das ist mir bewusst.
Aber ich möchte in einem Land, idealerweise in einer Welt, leben, in der Menschen, denen Unrecht getan wird, eine Stimme haben, die auch gehört wird. Gewalt ist kein Stilmittel, sondern strafbar. Die Schmähung oder Demütigung anderer ist nicht unterhaltsam.
Und ich möchte in einem Land leben, in dem niemand einen anderen zum Selbstbedienungsladen degradieren darf. In dem ein Mensch sich nicht verteidigen muss, dem Gewalt widerfahren ist. Ein Land, in dem die Wahrheit eine Rolle spielt für eine Justiz, die keine Kavaliersdelikte kennt.
Wie erkläre ich meinen Kindern, dass es nicht so ist? Und warum?

Kommentare:

  1. Uff!
    Das habe ich ja überhaupt nicht mitbekommen!
    Boah!
    Da fehlen mir die Worte!
    Rechststaat?
    Ich kann es nicht fassen!
    Susanne

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  2. Astrein geschrieben, Nina. Ich empfinde jedes Wort mit dir. Wer zur Hölle guckt da hin und erstattet keine Anzeige?! Sind die Bilder so wenig eindeutig? Ich weiss es nicht - ich habe das Video nicht gesehen... Und wenn eine Frau erst beim 594sten Fuck-Boy "Hör auf" sagt, ist dieser Aufforderung Folge zu leisten. Göttinnen unter sich... xxx K

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  3. Wow, danke für den Beitrag. Es ist damit sicherlich kein Zufall, dass ich ausgerchnet heute deinen Blog aufgerufen habe. Ich werde der Sache nachgehen.
    LG
    Ute

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  4. ... Dieser Beitrag führt nirgendwo hin, das ist mir bewusst...

    Liebe Nina, ich kannte den Vorafall nicht, er ist bei jetzt noch nicht an meine österreichischen Ohren gedrungen - wohl auch weil mich die Klatschpresse nicht sonerlich interessiert.

    Doch!
    Der Beitrag führt wo hin!
    Dass ein paar Blogger das lesen, drüber reden, das Thema weiterspinnen. Es muss gesagt werden, dass das nciht unsere Auffassung von Recht ist.
    Meine nicht. Deine nicht. Und die ganz vieler anderer auch nicht. Wird nicht so sein, dass das direkt am Urteil was ändert. Aber Recht gehört immer ausgelotet und ausdisskutiert - und dazu ist der Beitrag gut.
    Danke!

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  5. Also ich bin ganz bestimmt kein Freund von Gina Lisas Lebenswandel. ABER, das gibt NIEMANDEM das Recht, die Rechte die JEDER hat und für sich selbst in Anspruch nehmen will, so widerlich zu missachten. Und die Rechtsprechung scheint hier wirklichen Aufholbedarf zu haben und sich der heutigen Zeit endlich anzupassen. Würde so auch entschieden, wenn es meine Tochter gewesen wäre, die kein solchen "Vorleben" hat? Man ist ja leider sehr schnell mit den Vorurteilen, doch auch das macht mir wieder einmal bewusst, dass Justitia einäugig zu sein schein. Was für eine Verletzung muss das sein, dieses Video gegen den eigenen Willen veröffentlicht zu wissen.
    Also richtig, dass du dich hier aufregst und es dir die Mühe wert war, wieder einmal einen Post zu schreiben!
    Liebe Grüße
    Claudia

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  6. Liebe Nina,
    Danke für diesen großen Beitrag. Du fasst deine Wut in so treffende Worte. Ich stimme dir ausnahmslos zu und habe deinen Beitrag geteilt, damit er Gehör findet.
    Liebe Grüße,
    Steffi

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  7. Gelesen habe ich über diese "Affäre" wohl, wenn auch nicht in der einschlägigen Presse, die ich nicht konsumiere, so doch in einem anderen Blog. Und schon da gruselte es mich, dass wir offenbar immer noch in dieser "die hat es doch nicht anders gewollt" Zeit leben. Man könnte sagen, es hat sich nichts geändert seid der Minirock oder sonstwas Diskussion. Im Gegenteil. Es ist schlimmer geworden. Das macht mich rasend wütend und auch traurig. Danke für deinen Beitrag! Drück dich! Haydee

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  8. Man mag über Frau Lohfink denken was man will - aber dieser Tatbestand und das "rechtliche" Procedere ist ein Skandal. "Nein" und "Hört auf" reicht nicht? Einen Menschen vergewaltigen und das auch noch zu filmen und ins Internet zu stellen ist kein Verbrechen in unserer Gesellschaft...?? Damit kommt man straffrei durch? Und nicht nur dass - das Opfer muss sich auch noch gerichtlich verantworten? Ich bin absolut fassungslos.
    "Den Weg dahin ebnen wir mit einer medialen Kultur, die keine Scham mehr kennt, keine Privatsphäre, keine Grenzen, keine Beißhemmung. Hornhaut deluxe. Was sind wir für eine verdorbene, stumpfe und abstoßende Masse an Egomanen geworden, die ein Verbrechen an der Würde eines Menschen für Unterhaltung hält?"
    Die Antwort ist leider ja, muss ja sein, wenn man sieht, was in Deutschland derzeit passiert, an allen Ecken. :-(((
    LG, Katja

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  9. Liebe Nina, erst gestern habe ich über den Vorfall gelesen und mir ist ganz schlecht geworden. Aber schon lange ist mir in unserer sogenannten "Rechtsprechung" vieles so unglaublich unverständlich und ungerecht... Ich danke dir für diese Worte, auch mir raubt die Vorstellung meine Jungs in einer Welt wie dieser großzuziehen. Oft ertappe ich mich jetzt schon dabei, dass ich denke: "Gut, dass ich keine Mädchen habe...". Und schwöre mir jeden Tag meine Söhne zu Männern zu erziehen, die Frauen mit Respekt behandeln.

    Es drückt dich, von Mutter zu Mutter und bin Frau zu Frau,

    Deine Katrin

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  10. Es ist unfassbar!
    Hast du den Fall aus Stanford mitbekommen? Dazu hat Lena Dunham ein super Video gepostet. Es hilft ein bisschen das es Frauen wie sie gibt.

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  11. Liebe Nina, das hast Du super genau richtig geschrieben und beschrieben. Weißt Du noch, als der Kommissar dem Markus Gäfgen, dem Entführer und Mörder des kleinen Banker-Jungen, damals Gewalt angedroht hat, um den Jungen aus Lebensgefahr zu retten, und sich dann selbst angezeigt hat für diese Drohung? Damals war ich ungeheuer stolz, dass unser Staat diesen Prozess entgegen aller Volksempfindung und moralischer Empörung geführt hat. Gleiches Recht für alle, ob Kommissar oder Mörder...
    Und nun diese Geschichte. Ich male mir aus, was gewesen wäre, wenn die beiden Männer Nordafrikaner gewesen wären. Dann hätte der Lebenswandel der Frau nicht so interessiert, würde ich tippen. Nein, unsere Justiz hat keine verbundenen Augen. Und das "gesunde Volksempfinden " auch nicht. Die Römer haben es in ihren Amphitheatern gemacht, wir machen es im Internet.

    Trotzdem schön, von Dir zu lesen....
    Lieben Lisagruß!

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  12. Zum Übelwerden am frühen Morgen. Wenn das Herz überläuft, muss der Mund sprechen. Die Nina. Toll hast du das geschrieben. Gerade neulich las ich einen Beitrag über die Gefälligkeitsgutachter-Praxis in unserer Justiz, unliebsame Kläger werden als prozessunfähig und psychich auffällig einsortiert (kannte ich schon aus vergangen geglaubten Zeiten...). Das hat mich sehr empört. Und jetzt das. Ja, wo leben wir inzwischen eigentlich? Aber vor lauter "Sorge" um die "Bedrohung" unserer ach so hehren "Werte" durch Menschen, die hier Schutz suchen, sind wir dem gegenüber, was hier so alles abgeht, immer blinder. Lieben Gruß Ghislana

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  13. Am mir ist das auch völlig vorbeigegangen, hast du also nicht umsonst geschrieben.
    Schlimm.

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  14. Boah ... mir wird schlecht.
    Nein, liebe Nina - das hast du nicht umsonst gesschrieben..
    Du machst uns damit bewusst, das unsere Gesellschaft noch immer weit von einer wirklichen Emanzipation der Frau entfernt ist und es wichtig ist, auch weiterhin daran zu arbeiten, dass sich das ändert. Und es ist immer Hoffnung auf eine bessere Zukunft, wenn Mütter ihren Söhnen die richtigen Werte vermitteln.
    Ich hatte heute ein schönes Gespräch mit meiner Tochter (21) über den Umgang mit Vorurteilen (gesellschaftliche und eigene) und dabei hat sie einen klugen Satz gesagt, der zu diesem Thema passt:
    "Bilde einen Mann und du hast einen gebildeten Mann; bilde eine Frau und du hast eine gebildete Generation."
    Darauf können wir Mütter doch aufbauen, oder?
    Danke für dieses Wachrütteln heute
    vonKarin

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  15. das hab ich noch gefunden. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/fall-gina-lisa-lohfink-muss-ich-erst-umgebracht-werden-a-1097049.html

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  16. Ich muss immer an den Film "Angeklagt" mit Jodie Foster denken. Schade, dass man die Voyeure nicht wegen unterlassener Hilfeleistung anzeigen kann, so wie das im Film dann doch auch zur Verurteilung der Täter geführt hat.

    Unsere Gesetze und Gerichtsurteile werden leider noch immer hauptsächlich von Männern gemacht. Aber auch die haben Mütter, Töchter und Partnerinnen. Wollen sie nicht wenigstens die schützen???

    Henriette

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  17. Hallo Nina, ich danke dir sehr für den Artikel und deine Gedanken dazu. Unser Strafrecht ist veraltet und muss geändert werden. Je mehr darüber berichten, desto stärker wird die Aufmerksamkeit darauf. Nur dann kann sich etwas ändern.

    LG Daniela

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  18. Ich habe und werde mir das Video nicht ansehen, weil das schlimmste für Leute die sowas reinstellen bzw. die Medien allgemein ist, wenn sie nicht beachtet werden. Danke für Deinen Beitrag dazu. Vielleicht bringt diese Geschichte ein bisschen mehr Gerechtigkeit in unsere Rechtsprechung. Die Mörder und Vergewaltiger frei lässt, aber Leute wegen Steuerhinterziehung oder nicht bezahlten Strafzettel einsperrt.
    LG
    Martina
    PS: Komm wieder, bitte.

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  19. Und nun? Was ist das für eine Rechtsprechung in diesem Land?
    Das war auch noch eine RichterIN...
    Martina

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